Weird Shit
Der Investor Swen Lorenz organisiert die Weird Shit Investing Conference. Was braucht man wirklich, um die besten Aktien zu finden?
Liebe Abonnenten,
vergangene Woche konnte ich in Hongkong die Weird Shit Investing Conference besuchen. Der Investor und Spekulant Swen Lorenz organisiert sie einmal in Jahr in London, New York und Hongkong. Dort treffen sich rund zwei Dutzend Teilnehmer aus der ganzen Welt - die meisten von ihnen Privatinvestoren. 16 von ihnen stellen ein abseitiges Investment vor.
Zur Konferenz vom letzten Jahr gibt es ein Manual zum Download hier. In einigen Tagen sollte auch ein neues von diesem Jahr erscheinen, wo man die einzelnen Pitches nachlesen kann.
Swen Lorenz gibt zudem den äußerst lesenwerten Newsletter Undervalued Shares heraus.
Was ist Weird Shit Investing?
Swen Lorenz: Das ist eine neue Konferenz, die ich vor drei Jahren ins Leben gerufen habe. Die Idee ist, dass besonders originelle und ungewöhnliche Investmentideen vorgestellt werden – nicht nur von Profi-Managern, sondern auch von Privatinvestoren. Die haben oft viel mehr Freiheit, sich Investments anzuschauen. Damit habe ich quasi eine globale Investmentkonferenz-Serie geschaffen. Die Veranstaltung findet erst in Hongkong statt, dann am nächsten Dienstag in London und am nächsten Donnerstag in New York. Sie reist quasi mit der Sonne um die Welt. An jedem Ort stellen 16 Investoren jeweils eine Idee für eine halbe Stunde vor. Dabei sind Privatinvestoren, Allokatoren und Family Offices. Der Netzwerkeffekt und das Kennenlernen von Menschen, die ähnlich oder auch ganz anders denken, ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Ungewöhnliche Investmentideen und interessante Leute treffen – das ist der Zweck der Weird Shit Investing Conference.
Als ich „Weird Shit“ gehört habe, dachte ich erst, das sei noch abseitiger. Eigentlich geht es aber um unterbewertete Aktien. Kann man das so sagen?
Der Kerngedanke war, sich Investments anzuschauen, die ein bisschen außerhalb des Mainstreams liegen – die vielleicht vergessen sind, außer Mode geraten oder unter speziellen Problemen leiden: Sanktionen, verschärfte Zölle oder komplexe juristische Themen. Oft liegt gerade in der Komplexität oder Ungewöhnlichkeit der potenzielle Gewinn. Es gibt viele Fonds und Hedgefonds, die sich auf solche Nischen spezialisiert haben – Firmen, die nur noch aus einem juristischen Prozess bestehen, Altforderungen gegen Länder oder aus dem Minenbereich. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es muss einfach nur ungewöhnlich und originell sein, damit man sagen kann: „Woanders hätte ich darüber nie gehört.“ Das ist der Anspruch. Es ist auch ein bisschen Wettbewerb unter den Teilnehmern – ich versuche sie anzuspornen, sich selbst ein bisschen zu übertreffen.
Kannst Du ein oder zwei Beispiele nennen, was eine typische „Weird Shit“-Aktie ist?
In New York wurde zum Beispiel eine Aktie vorgestellt, die Bank-Altforderungen aus Griechenland verbrieft – zurückgehend auf die Finanzkrise 2012/2015. Die faulen Forderungen wurden in eine Aktiengesellschaft eingebracht und an der Börse gelistet. Niemand hat sich dafür interessiert. Später hat sich das überraschend gut entwickelt, weil Griechenland sich erholt hat und doch noch Geld aus den Forderungen kam.
Eine weitere Geschichte aus London: Ein geschlossener Fonds, der viele Assets in Russland hält. Die Assets selbst sind wegen der Sanktionen nicht mehr handelbar, aber der Fonds wird weiterhin in London gehandelt. Man konnte ihn zu einem extremen Discount kaufen – in der Hoffnung, dass irgendwann doch wieder etwas daraus wird. Das hat sich mit hoher Volatilität sehr gut entwickelt. Solche ungewöhnlichen Fälle gehören genau zum Spektrum der Konferenz.
Kein Krypto, kein KI
Was auffällt: Auf der Konferenz gibt es keine KI-Aktien und kein Krypto – dafür klassische, alte Unternehmen. Warum nicht?
Der Ansatz ist klar contrarian: Da investieren, wo im Moment keiner investieren will – oft mit langfristiger Perspektive. Viele Teilnehmer sind Privatinvestoren, die ihr eigenes Geld verwalten und nicht gezwungen sind, Modethemen zu spielen. Einige haben herausragende langfristige Track Records – einer hat in 27 Jahren sein Kapital 280-fach vervielfacht. Diese Leute sind darauf spezialisiert, dort hinzuschauen, wo gerade niemand hinschaut.
Die Konferenz bringt auch Gleichgesinnte zusammen. Gerade in Hongkong habe ich erlebt, wie sie als Netzwerkmechanismus funktioniert – Locals, die in derselben Stadt leben, aber sich noch nie getroffen haben. Das ist nicht jedermanns Sache, aber für manche funktioniert es wunderbar und bringt gute Renditen.
Du lebst auf der Kanalinsel Sark zwischen England und Frankreich und bist in Deutschland geboren. Wie bist Du zum Investieren gekommen?
Ich bin in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und habe schon in der Schulzeit mit wenig Kapital an der Börse spekuliert. Später habe ich für verschiedene Börsenbriefe geschrieben, bin 1998 nach London gezogen und 2017 vollzeit auf die Kanalinseln – auf die kleine Insel Sark neben Guernsey. Das ist quasi eine Unterabteilung der City of London mit guten Steuervorteilen und angenehmer Kultur.
Ich schreibe seit vielen Jahren auf meiner Webseite Undervalued Shares über unterbewertete Aktien und Investments außerhalb des Mainstreams und organisiere gerne Events – aus Leidenschaft. Die Weird Shit Investing Conference entstand aus einem Gespräch mit einem Leser in New York. Der hatte mit genau solchen ungewöhnlichen Investments finanziell unabhängig gemacht und sagte: „Swen, du musst eine Konferenz organisieren, wo wir nur über diesen Weird Shit sprechen.“ Die Nachfrage war überwältigend. Im ersten Jahr gab es London und New York, ab dem zweiten Jahr dann auch Hongkong.
In Deinem Newsletter Undervalued Shares geht es ebenfalls um etwas „weirde“, kleinere Werte. Wie finden man solche Aktien?
Vollzeit-Recherche hilft enorm – inklusive der Brute-Force-Methode: den ganzen Kurszettel eines Landes von A bis Z durchgehen. Mit Erfahrung und Instinkt erkennt man schnell, wo man genauer hinschauen muss. Sehr wertvoll ist auch das Netzwerk – meine Leserschaft (aktuell ca. 13.000 für den wöchentlichen kostenlosen Artikel) liefert immer wieder gute Ideen.
Ich stöbere gerne in alten Büchern. Alte Ideen kommen immer wieder zurück – genau wie Mode. Verteidigung war vor fünf Jahren out, heute ist es wieder ein Thema. Wer breit liest, viele Interessen hat und mit anders denkenden Menschen spricht, findet immer wieder entlegene Ideen. Als Investor braucht man pro Jahr eigentlich nur ein oder zwei wirklich gute Ideen.
Swen Lorenz war schon einmal im Interview bei BlingBling. Das gibt es hier nachzulesen:
"Kapitalverkehrskontrollen werden kommen"
Swen Lorenz ist Spekulant alter Schule. Im Interview spricht er über die eskalierende Staatsschuldenkrise, und wie man trotzdem Optimist bleibt.
Was können Anfänger ohne viel Vorwissen beim Aktienkauf beachten?
Unternehmen mit viel Bargeld und ohne Schulden sind eine extrem gute Ausgangsbasis – das Risiko eines Bankrotts durch Überschuldung ist deutlich geringer. Themen wie wiederkehrende Einnahmen (Recurring Revenue) oder die Wiederbelebung alter Marken sind immer wieder interessant – besonders in Großbritannien.
Man sollte sich spezialisieren oder Generalist sein. Ein Leser hat sich zum Beispiel ausschließlich auf Schifffahrts- und Offshore-Aktien konzentriert und sein Vermögen von 10.000 Euro auf Millionen gebracht. Zeit und der Aufbau einer Wissensbasis über Jahre sind entscheidend. Heute haben Privatanleger bessere Chancen als je zuvor, weil viele kleine Werte nicht mehr von Analysten abgedeckt werden und manche Themen von großen Häusern gemieden werden.
Du meidest Megatrends wie KI oder Krypto komplett. Bist Du bei Hypes prinzipiell skeptisch?
Nein, so negativ sehe ich das nicht. Es wurde wahnsinnig viel Geld damit verdient – ich habe auch einiges verpasst. Aber der Tag hat nur 24 Stunden. Meine Leserschaft erwartet einen bestimmten Fokus: Themen, über die gerade sonst niemand schreibt. Über KI schreiben genug andere. Schuster bleibt bei seinen Leisten. Ich bin nicht automatisch auf der Short-Seite – ich verfolge das nur tangential.
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Wie wichtig ist die Makrolage – Zinsen, Liquidität, Wachstum – für Deine Entscheidungen?
Eher im Hintergrund. Man kann Makro-Entwicklungen ohnehin nur sehr schwer zuverlässig vorhersagen. Meine philosophische Einstellung: Wenn man keine Schulden hat, ist man gegen extreme Schwankungen deutlich robuster. Man kann solche Phasen einfach aussitzen. Langfristig geht es an der Börse vorwärts und aufwärts – man muss nur dabei sein und das Portfolio optimieren. Jedes Detail vorhersehen zu wollen, ist unmöglich.
Wie viel Kapital sollte ein Privatanleger in solche „Weird Shit“-Ideen stecken? Gibt es eine Faustregel zur Portfolio-Konstruktion?
Das hängt stark vom Alter und der Vermögenssituation ab. Ein 21-Jähriger mit 10.000 Euro kann durchaus einmal alles oder fast alles auf eine oder zwei Karten setzen, um einen großen Sprung zu machen. Ein 60-Jähriger kurz vor dem Ruhestand sollte eher nur 10–20 % in unkorrelierte, hochspekulative Ideen legen.
Grundsätzlich rate ich aber zur Konzentration. Die großen Investoren (Buffett, Soros, Druckenmiller etc.) sind am Anfang mit wenigen, intensiv betreuten Positionen vorangekommen. Charlie Munger hat gesagt, drei Aktien würden schon reichen. Es kommt darauf an, wo man im Leben steht.
Den Einsatz vom Tisch nehmen
Wie machst Du es persönlich?
Ich bin 51 und denke schon an Risikostruktur. Ich spreche aber ungern über meine eigene Strategie, weil viele Leute sie dann einfach nachbilden wollen. Ich sehe mich eher als Ideenlieferant. Jeder soll selbst recherchieren und entscheiden – idealerweise mit professionellem Rat.
Du berichtest auch immer wieder aus der Ukraine. Was hast Du dort beobachtet?
Ich war im April 2025 zum ersten Mal in Kiew. Die Wahrnehmung im Westen ist oft, dass die Stadt in Schutt und Asche liegt. Die offizielle Statistik zeigt jedoch, dass bislang nur 0,6 % des Immobilienbestands signifikant beschädigt wurde. Die Preise sind deshalb wahrscheinlich zu niedrig, weil ein zu hohes Risiko eingepreist wird. Kapitalkontrollen erschweren den Kapitalfluss.
Bei den wenigen ukrainischen Aktien (z. B. Landwirtschaftsaktien, die in Warschau und London notiert sind) gab es 2022 große Skepsis – heute notieren einige über Vorkriegsniveau. Das zeigt wieder einmal: Man muss kaufen, wenn alle zurückschrecken.
Hast Du eine Grundregel beim Risikomanagement – z. B. nach einer Verdopplung Gewinne mitnehmen oder bei einem bestimmten Verlust verkaufen?
Nach einer Verdopplung etwa den Einsatz vom Tisch zu nehmen, finde ich eine gute Regel (Steuern spielen natürlich eine Rolle). Ansonsten empfehle ich das Buch The Art of Execution – eines der besten Bücher zum praktischen Umgang mit Positionen, die fallen oder steigen.
Generell rate ich: Erst nur einen Teil des geplanten Einsatzes investieren. So hat man noch „trockenes Pulver“, falls die Aktie weiter fällt. Man entwickelt ein echtes Gefühl für das Papier und kann später aufstocken. Das Buch fasst das sehr gut zusammen.
Was fasziniert Dich am meisten am Investieren und Spekulieren?
Dinge zu finden, die irgendwann wieder breiteres Interesse bekommen werden, die aber im Moment niemand auf dem Radar hat. Genau daran habe ich heute wieder Spaß gehabt – ich habe gerade einen Artikel über eine kanadische Aktie mit Altansprüchen gegen Venezuela fertiggestellt. 2023 war die Aktie komplett unter dem Radar. Heute sieht die Situation schon anders aus. Solche Geschichten zu entdecken und zu verfolgen – das ist für mich das Schöne daran.
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Ich frage mich ob Dubai auch n guter Ort für eine weird Shit investment Conference wäre, weil dort so viele Leute in weird shit investieren 😅 oder gibt der Ort Dubai der ganzen Sache einen unseriösen touch?
Kenne seinen Blog nicht aber werde mal rein lesen. Muss mein Portfolio bald wegen Wegzug komplett neu aufstellen da lohnt es sich vllt noch ein paar Inspirationen mitzunehmen.