Mar 25 • 43M

Wege ins Rabbit Hole

Als "Fall ins Rabbit Hole" bezeichnet man die Beschäftigung mit Bitcoin. Christoph Bergmann schreibt seit 2013 für das Bitcoin-Blog. Ein Gespräch zum Lesen und Hören

 
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Willkommen zur 64. Ausgabe von BlingBling!"

Die Beschäftigung mit Bitcoin bringt viele Menschen dazu, die Welt profund anders zu sehen. Dahinter steckt eine Entwicklung, die BlingBling in der Interview-Reihe “Wege ins Rabbit Hole” nachspüren will.

Den Anfang macht Christoph Bergmann vom Bitcoin-Blog. Die Publikation ist angedockt an die älteste deutsche Bitcoin-Börse www.bitcoin.de. Bergmann publiziert dort seit 2013 nahezu täglich Texte. Gerade erst ist eine Auswahl davon in seinem Buch “Das Bitcoin-Kompendium - Netzwerk und Technologie” erschienen.

Wie kamst Du zu Bitcoin?

Ich bin Historiker und Wissenschaftsjournalist, und wie jeder weiß, der ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat, ist der Berufseinstieg nicht ganz so einfach. Ich hatte damals auch noch sehr schwere Zahnschmerzen und habe mich mit einer Alternative zu Zucker beschäftigt. Xylit hieß das. Seit acht Jahren schwöre ich darauf. 

Ich bin gespannt, wie Du jetzt den Weg zu Bitcoin spannst…

Ich habe recherchiert und habe auf verschiedensten Websites mich darüber informiert und irgendwo dort las ich einen Kommentar, der darauf hinwies, wo man Marihuana mit Bitcoin kaufen kann. Ich hatte vor ein paar Jahren schon mal davon gehört, und dann dachte ich mir: Oh, das gibt’s noch, ist sogar mehr wert. 

Zu der Zeit hatte ich mich lange mit Liberalismus und Sozialismus beschäftigt, hinzu kam ein Musik-Download-Hintergrund, um zu verstehen, was dezentrale Netzwerke bedeuten. Und so begann ich mich auf Bitcoin-Talk, das war damals noch das wichtigste Forum, tagelang einzulesen. Und dann habe ich bitcoin.de einfach eine Mail geschrieben, ob sie jemanden im Marketing gebrauchen könnten.

Das war damals die einzige Börse in Deutschland, richtig?

Fast die einzige innerhalb der EU, wobei es noch Bitstamp und ein paar Nischenbörsen gab. bitcoin.de antwortete schnell und sagte, die bräuchten einen Blogger. Das war 2013. Und so fing ich erst nebenberuflich an und das wuchs immer mehr. 2015 habe ich nochmals versucht, etwas anderes zu machen, und musste dann feststellen, wie langweilig alles im Vergleich zu Crypto ist.

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Du hast drei Halvings, also drei Hype-Zyklen miterlebt. Kannst Du sagen, was Dich am meisten bewegt hat?

Das ist wahnsinnig schwierig. Wichtig waren sicherlich die Blocksize Wars 2015 bis 2017. Und sicherlich 2013, als das FBI den Marktplatz “Silk Road” schloss. Damals war Bitcoin primär die Währung, um im Darknet Drogen zu kaufen. Ein bisschen Glücksspiel und Mining gab es auch noch. Und als Silk Road geschlossen wurde, dachten einige, das wäre das Ende von Bitcoin. Aber danach stiegen die ersten großen Investoren ein. Rückblickend war das ein Meilenstein, weil Bitcoin so begann sich aus der Schmuddelecke heraus zu entwickeln. Und natürlich die Gründung von Ethereum, was das Spektrum enorm erweitert hat. Wichtig war auch die Geburt von Stablecoins so um das Jahr 2016.

Was hat Dich am meisten bewegt?

Emotional hat mich vieles mehr mitgenommen, als für einen Journalisten gut ist. Ende 2013 wohnte ich in Aachen, war aber zur Arbeit in Nürnberg. Meine Bitcoin-Wallets waren in Aachen und plötzlich gab es diesen massiven Kursanstieg. Ich dachte mir: ‘Oh nein! Ich muss verkaufen, es wird bestimmt bald wieder abstürzen.' Was mache ich jetzt?’ Ich hatte nur ein Notizbuch, in dem ein Seed stand. Schließlich gelang es mir, über den Seed an meinen Wallet zu gelangen. Das war für mich ein erstaunliches Erlebnis - mit ein paar Wörtern an meine Bitcoins zu kommen. Das machte mir die absolute technische Überlegenheit gegenüber anderen Wertspeichern deutlich. War natürlich rückblickend nicht so schlau, die zu verkaufen. 

Bist Du mittlerweile ein überzeugter Hodler?

Ich war früh ein Bitcoin-Maximalist. So habe ich auch viele Gelegenheiten wie zum Beispiel Ethereum verpasst. Natürlich glauben die Leute immer wieder, dass man stinkreich sein müsste, wenn man so früh dabei war. Es waren gute Investitionen, aber als Journalist verdient man auch nicht so wahnsinnig gut. Vor allem aber habe ich zwischendurch viele verkauft.

Und vielleicht ist es besser so: Ich höre auch immer wieder von Leuten, die früh sehr reich wurden, und denen das überhaupt nicht gut getan hat. 

Inwiefern?

Viele werden wahnsinnig paranoid. Es zerrüttet das Verhältnis zu alten Freunden. Anderen, die damit offen umgehen, kriegen Ärger mit Behörden. Zumindest kenne ich jemand in einem afrikanischen Land, dem das passiert ist. Es zieht einfach Probleme an. 

Haben Dich diese ganzen Erfahrungen entspannter gemacht?

Wenn man in etwas Geld investiert hat, ist es nie einfach, die Ruhe zu bewahren. Das liegt in der Natur der Sache. Aber natürlich wird man etwas ruhiger. Ich bin geduldiger geworden und demütiger gegenüber dem Markt. Bitcoin hat sich nicht immer so entwickelt, wie ich es mir vorgestellt habe oder ich es gut gefunden hätte. Das betraf zum Beispiel Bitcoin Cash und BitcoinSV. Das aber habe ich irgendwann akzeptiert, und mich selbst etwas zurückgenommen.

Könntest Du mal erklären, worum es damals bei den Blocksize Wars und den Fork um Bitcoin Cash ging?

In jedem Block der Blockchain werden Transaktionen reingepackt. Und jeder dieser Blöcke hat laut Protokoll eine gewisse Größe. Die lag bei ein Megabyte. Das hatte Satoshi Nakamoto 2010 festgelegt, aber mit dem Zusatz, dass diese Größe angepasst werden könne. 2014/2014 wurden die Blöcke dann immer größer und es entstand die Diskussion, wie man diese Blöcke erhöht, damit Bitcoin weiter wachsen könne. Ein Megabyte entsprach damals sieben Transaktionen pro Sekunden, also sehr wenig.

Damals wollte man Bitcoin vor allem zu einem Payment-Network machen, oder?

Ja, ich experimentierte damals auch noch viel mit Micro-Payment-Lösungen. Aber damals gab es keinen Konsens. Gerade viele Entwickler wollten das Limit beibehalten. Die Begründung war, dass das Wichtigste an Bitcoin die Dezentralität ist und die beruht darauf, dass theoretisch jeder einen Fullnode laufen lassen kann, also sich jederzeit die gesamte Blockchain runterladen und einsehen kann. Im Endeffekt ging es darum, ob es möglich ist, eine 50-Cent-Zahlung mit Bitcoin zu machen oder ob jeder für 200 Euro einen Fullnode laufen lassen kann. Am Ende setzten sich diejenigen durch, die Größe nicht erhöhen wollten. Die anderen spalteten sich 2017 mit Bitcoin Cash ab. Und wie sich jetzt zeigt, hat der Markt daran wenig Interesse.

Dazu muss man wissen, dass es damals noch kein Lightning-Netzwerk gab. 

Ja, hast Du es schon einmal verwendet?

In El Salvador sehr oft ja. Das war beeindruckend. 

Wenn es funktioniert, ist es gut. Aber anfangs gab es damit auch sehr viele Probleme. Aber ja es klappt immer besser.

Was man an dieser Geschichte auch sieht, dass sich die Bitcoin-Narrative ständig verändern: Darknet-Geld, Zahlungsmittel, digitales Gold. Und derzeit tritt die Umwelt- und Geldwäsche-Erzählung wieder mehr in den Vordergrund. Wie erlebst Du das?

Die Klage über Bitcoins Energie-Verbrauch gibt es schon lange. Die ist sogar älter als Bitcoin. Schon in den 90ern gab es die Idee von digitalen Geld, das über Rechenleistung erzeugt wird. Und schon damals wurde deswegen eine degressive Geldschöpfung vorgeschlagen. Das ist interessant, wenn man sich klar macht, dass bei der Erfindung von Bitcoin gar nicht die Idee im Vordergrund stand, digitales Gold zu schaffen, sondern ein Proof-of-Work-Geld zu kreieren, das weniger Energie verbraucht. Stell Dir vor, wir hätten heute noch einen Block Reward von 50 Bitcoin - dann wäre der Stromverbrauch viermal so hoch. Dann wäre die Belohnung so hoch, dass noch mehr Leute minen würden und somit mehr Leute in das Geschäft einsteigen würden. 

Bitcoin-Narrative im Wandel der Zeit. Mehr dazu Nic Carter: Visions of Bitcoin.

Du sagst, die Debatte ist alt. Aber trotzdem bekommt das Thema heute noch mehr Aufmerksamkeit, oder?

Ja, das liegt auch daran, dass Bitcoin mehr Aufmerksamkeit hat als früher. Und vermutlich findet das Thema Klimawandel auch mehr Beachtung. Mein Eindruck ist zudem, dass linke Bitcoin-Kritiker die Klimadebatte vorschieben. 

Wer glaubt, dass deflationäres Geld überflüssig ist, empfindet Bitcoin natürlich als Verschwendung. Der Wert von Bitcoin kommt ja daher, dass der Markt darin offensichtlich einen Nutzen sieht.  Was ich ganz amüsant finde, dass die alten Bitcoin-Kritiker von damals noch immer dieselben Argumente vorbringen. Daran hat sich nichts geändert.

Es findet nur auf einer größeren Bühne statt.

Und es ist ja nachvollziehbar. Wenn ich Politiker wäre, würde ich Bitcoin auch bedrohlich finden. Andererseits gibt es ja auch linke Bitcoiner, die sagen, Bitcoin ist eigentlich ein Projekt für mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Kennst Du eigentlich Kritiker, die Bitcoin wirklich verstanden haben?

Ja, die gibt es auf jeden Fall. Jorge Stolfi, ein Professor für Computer-Technik, David Gerard kennt Bitcoin auch wirklich gut. Ich würde sogar sagen: Die eingefleischten Kritiker verstehen Bitcoin besser also mancher Fan. Das Problem ist nur, dass sie etwas starrsinnig sind und ihre Meinung nicht mehr anpassen. Dazu kommt: sie verstehen nicht, weshalb man den Zentralbankgeld nicht vertraut und warum nicht jeder Aktien kaufen soll. Sie erkennen den Nutzen einfach nicht.

Du bist ja auch viel auf Twitter unterwegs. Wie erlebst Du die Bitcoin-Szene so im Lauf der Jahre?

Um Themen zu recherchieren, ist Twitter eine großartige Fundgrube. Ich mag im Prinzip auch die Diskussionen. Mittlerweile finde ich das Thema recht freundlich. Während der Blocksize-Wars war es angespannter. 

Du hast gerade ein Buch veröffentlicht. Worum geht es da?

Ich habe in den vergangenen Jahren rund 2000 Artikel geschrieben. Viele davon sind und waren aktualitätsgebunden. Andere aber haben einen erklärenden, technischen und zeitlosen Hintergrund. Und die habe ich jetzt nochmals gebündelt. Man erfährt darin über die Vorgeschichte von Bitcoin, die Funktionsweise, technische Details und vieles mehr. Wenn man Bitcoin etwas tiefer verstehen will, ist es ein guter Einstieg auf Deutsch. 

Nächste Woche geht es weiter mit dem ZEIT-Feuilletonisten Ijoma Mangold

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