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Leon Wankum ist einer der spannendsten Denker im Bitcoin-Universum. Kommende Woche erscheint sein neues Buch “Digital Real Estate” in den USA. BlingBling spricht mit ihm über die schleichende Monetarisierung von Bitcoin und weshalb Regierungen so Angst vor Deflation haben.
BlingBling: In deinem aktuellen Artikel unterscheidest du zwei Arten von Deflation. Was meinst du damit?
Leon Wankum: Deflation hat in unserem Wirtschaftssystem inen negativen Beigeschmack. Dabei ist sie zunächst ein natürlicher Prozess des Marktes: Wir lernen über die Zeit, Dinge effizienter und günstiger zu produzieren. Wright’s Law beschreibt, dass mit zunehmender Produktion die Kosten sinken, weil Erfahrung und Skalierung zusammenkommen. Moore’s Law zeigt einen ähnlichen Effekt bei Computerleistung. Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz verstärken diese Entwicklung.
Problematisch wird Deflation vor allem für ein hoch verschuldetes, inflationäres System. Wenn Preise und Vermögenswerte fallen, steigt der reale Wert bestehender Schulden. Deshalb reagiert das System tendenziell mit mehr Liquidität und einer Ausweitung der Geldmenge. Technologischer Fortschritt wirkt also deflationär, während das Geldsystem versucht, diesen Effekt zu überlagern.
KI könnte enorme Produktivitätsgewinne bringen. Würdest du sagen, dass das System darauf automatisch mit noch mehr Geld reagiert?
Langfristig ist KI deflationär, kurzfristig aber zunächst inflationär. Der Aufbau der nötigen Infrastruktur – Rechenzentren, Energieversorgung, Chips, Stromnetze – kostet sehr viel Geld und wird häufig kreditfinanziert. Gleichzeitig kann KI die Kosten vieler Dienstleistungen radikal senken.
Das bestehende System braucht aber weiterhin Wachstum und neue Liquidität, um die steigende Schuldenlast zu tragen. Deshalb glaube ich nicht, dass technologische Deflation allein die Probleme des Geldsystems löst. Kurzfristig kann KI also Kapital verschlingen, langfristig senkt sie die Kosten. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
“Parteien gewinnen selten Wahlen mit dem Versprechen, Leistungen zu kürzen oder Ausgaben massiv zurückzufahren. Geld auszugeben schafft dagegen unmittelbare Gewinner und damit politische Zustimmung.”
Was wäre die Alternative? Ein harter Sparkurs?
Im Prinzip ja. Ein hoch verschuldetes System kann sparen, Steuern erhöhen oder die Geldmenge ausweiten. Politisch ist radikales Sparen aber schwer durchzusetzen. Parteien gewinnen selten Wahlen mit dem Versprechen, Leistungen zu kürzen oder Ausgaben massiv zurückzufahren. Geld auszugeben schafft dagegen unmittelbare Gewinner und damit politische Zustimmung. Deshalb ist die Versuchung groß, strukturelle Probleme über zusätzliche Ausgaben und Inflation zu lösen.
Das ist kein neues Phänomen. Auch frühere Herrscher und Dynastien haben Geld entwertet, um Kriege zu finanzieren oder ihre Macht zu erhalten. Die Instrumente haben sich verändert, der Anreiz ist ähnlich geblieben. Für den Einzelnen stellt sich daher die Frage, wie er sich davor schützen kann. Genau dort kommen knappe Vermögenswerte ins Spiel.
Dein neues Buch beschäftigt sich mit Bitcoin und Immobilien. Was ist die Grundthese?
Das Buch beruht stark auf meiner eigenen Erfahrung in der Projektentwicklung. Immobilien sind in unserem heutigen Geldsystem ein klassischer „Debasement Trade“: Land ist knapp, Immobilien werden häufig kreditfinanziert und dienen selbst wieder als Kreditsicherheit. Wenn die Geldmenge wächst, fließt ein Teil dieses Geldes in knappe Vermögenswerte. Dadurch steigen ihre nominalen Preise.
Bitcoin weist einige ähnliche Eigenschaften auf, ist aber digital und absolut knapp. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben. Deshalb beschreibe ich Bitcoin als eine Art digitale Immobilie: einen knappen Vermögenswert, der als Wertspeicher und zunehmend auch als Kreditsicherheit dienen kann.
Immobilien spielen heute eine enorme Rolle im globalen Vermögenssystem, nicht nur zum Wohnen, sondern auch als Speicher von Kapital und als Sicherheit für Kredite. Bitcoin könnte langfristig einen Teil dieser monetären Funktion übernehmen. Gerade weil es nicht an einen Ort gebunden ist, könnte es Kapital anziehen, das heute in Immobilien als Wertspeicher fließt.
Kann man dabei von einer Remonetarisierung knapper Güter sprechen – bei Gold, Immobilien und Bitcoin?
Ja. Gold monetarisiert sich zum Beispiel wieder stärker, weil Zentralbanken ihre Bestände ausbauen. Historisch gab es ähnliche Phasen. Unter Roosevelt wurde privater Goldbesitz in den USA 1933 stark eingeschränkt, anschließend wurde der offizielle Goldpreis von 20,67 auf 35 Dollar je Unze angehoben. Dadurch wurden die staatlichen Goldreserven aufgewertet.
Bei Bitcoin findet ebenfalls eine Monetarisierung statt, aber ich glaube, dass Bitcoin langfristig seinen eigenen Weg gehen wird. Wenn man Gold in Bitcoin bepreist, sieht man bereits, wie stark Bitcoin gegenüber Gold aufgewertet hat. Bitcoin dagegen ist in erster Linie ein monetärer Vermögenswert. Seine Stärke liegt in Knappheit, Übertragbarkeit und der Möglichkeit, ihn ohne zentrale Gegenpartei zu halten.
Deshalb halte ich es für möglich, dass Bitcoin langfristig einen Teil der monetären Rolle von Gold und Immobilien übernimmt. Die entscheidende Frage ist, wie weit diese Monetarisierung geht und ob Bitcoin irgendwann neben der Wertspeicherfunktion auch stärker als Tauschmittel und Rechnungseinheit genutzt wird.
Könnte ein Staat irgendwann ähnlich mit Bitcoin umgehen wie Roosevelt mit Gold 1933 – also große Bestände unter staatliche Kontrolle bringen?
Theoretisch ist das möglich. Je stärker Bitcoin bei regulierten Unternehmen, Fonds oder Verwahrern konzentriert ist, desto größer wird auch das regulatorische Risiko. Ein Staat könnte versuchen, Einfluss auf große Unternehmen zu nehmen, Regeln für Verwahrer zu verschärfen oder bestimmte Bestände stärker zu kontrollieren.
Der entscheidende Unterschied ist allerdings, dass Bitcoin selbstverwahrt werden kann. Solange jemand seine Schlüssel selbst hält, ist ein direkter Zugriff sehr viel schwieriger. Natürlich hat auch Self-Custody praktische Risiken. Aber das ist ein Problem der jeweiligen Infrastruktur und der Nutzung, nicht des Bitcoin-Protokolls selbst.
Ich glaube deshalb nicht, dass ein staatlicher Zugriff einfach wäre. Eine Nationalisierung großer Unternehmensbestände oder eine massive Einschränkung von Bitcoin wäre ein langwieriger politischer und rechtlicher Prozess. Ganz ausschließen würde ich solche Szenarien aber nicht.
Im August ist der sogenannte Debasement Trade wieder angesprungen. Gold und Bitcoin sind stark gestiegen. Gleichzeitig gibt es die Hoffnung, dass KI durch Produktivitätsgewinne einen Ausweg aus der Schuldenproblematik ermöglicht. Wie siehst du das größere Bild?
Ich bin bei Bitcoin langfristig optimistisch, beim bestehenden Finanzsystem dagegen deutlich skeptischer. Die Vorstellung, dass KI alles so viel produktiver macht, dass wir aus den Schulden einfach herauswachsen, halte ich für zu optimistisch. Allein der Aufbau der KI-Infrastruktur verschlingt enorme Summen. Rechenzentren, Energie und Chips müssen finanziert werden, bevor die großen Produktivitätsgewinne vollständig sichtbar werden.
Technologie kann die Kosten vieler Dinge senken, aber sie ändert nicht automatisch die Anreize des Geldsystems. Solange Schulden und Geldmenge weiter wachsen, bleibt der Druck bestehen. Deshalb glaube ich, dass knappe Vermögenswerte weiter an Bedeutung gewinnen. Historisch haben inflationäre Systeme immer wieder gesellschaftliche und politische Spannungen erzeugt. Ich halte es deshalb für wahrscheinlich, dass wir auch in Zukunft mit erheblichen wirtschaftlichen und geopolitischen Konflikten leben müssen.
Der grundlegende Konflikt bleibt: Wenn Verpflichtungen schneller wachsen als die reale wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, muss irgendwann angepasst werden – durch Wachstum, Sparen, Steuern, Inflation oder eine Kombination daraus.
Je stärker Bitcoin als Sicherheit und Reserveasset akzeptiert wird, desto tiefer kann es in die bestehenden Kapitalmärkte eindringen.
Welche Rolle kann Bitcoin an den Kapitalmärkten spielen, insbesondere für Unternehmen?
Das finde ich besonders spannend. Nach der klassischen monetären Logik muss ein Gut zunächst als Wertspeicher funktionieren, bevor es breiter als Tauschmittel oder Rechnungseinheit genutzt wird. Bitcoin befindet sich aus meiner Sicht noch hauptsächlich in dieser Wertspeicherphase.
Für Unternehmen eröffnet sich dadurch eine neue Möglichkeit im Treasury Management. Bisher konnten sie überschüssiges Kapital ausschütten, reinvestieren, eigene Aktien zurückkaufen oder in andere Vermögenswerte investieren. Michael Saylor hat mit Strategy gezeigt, dass Unternehmen Bitcoin systematisch in ihre Bilanz integrieren können.
Die Grundidee ist simpel: Wenn Cash langfristig an Kaufkraft verliert, muss ein Finanzvorstand überlegen, wie er die Bilanz schützt. Bitcoin kann dafür ein Instrument sein. Strategy geht noch weiter und nimmt über Anleihen und andere Finanzierungsinstrumente Kapital auf, um zusätzliche Bitcoin zu kaufen. Dadurch entsteht rund um Bitcoin eine neue Kapitalmarktstruktur.
Bitcoin selbst braucht Strategy nicht. Wer Bitcoin halten möchte, kann es direkt tun. Aber wir sehen, wie sich auf Bitcoin zunehmend komplexere Finanzprodukte aufbauen. Je stärker Bitcoin als Sicherheit und Reserveasset akzeptiert wird, desto tiefer kann es in die bestehenden Kapitalmärkte eindringen.
Dieses Interview ist frei. Wenn Du tiefer einsteigen möchtest, empfehle ich Dir ein Paid-Abo zu testen. Paid-Abonnenten erhalten Zugang zu den DeepDives, dem monatlichen BlingBling-Debasement-Depot und ein wöchentliches Markt-Update mit konkreten Tipps. Du kannst das Abo problemlos sieben Tage kostenlos testen!
Könnte Bitcoin dadurch auch Kapital aus Immobilien oder Staatsanleihen abziehen?
Das halte ich für möglich. Immobilien werden heute nicht nur gekauft, weil Menschen darin wohnen wollen, sondern auch, weil sie ihr Vermögen schützen und Rendite erzielen möchten. Dadurch entsteht eine monetäre Prämie im Immobilienpreis. Wenn Bitcoin oder bitcoinbasierte Finanzprodukte dieselbe Funktion teilweise übernehmen, könnte Kapital aus anderen Wertspeichern abwandern.
Das wäre gerade beim Immobilienmarkt interessant. Wenn Anleger für die Wertspeicherfunktion eine digitale Alternative haben, könnte Bitcoin langfristig einen Teil dieser monetären Prämie aufnehmen.
Bitcoin könnte diese Funktionen nicht vollständig ersetzen, aber einen Teil davon übernehmen. Ob das gelingt, hängt davon ab, wie sich Regulierung, Volatilität und die Akzeptanz von Bitcoin als Sicherheit entwickeln.
Viele Bitcoiner kennen ein moralisches Dilemma: Je größer die Probleme des Geldsystems werden, desto stärker könnte Bitcoin steigen. Man profitiert also finanziell von einer Entwicklung, die gesellschaftlich negativ ist. Wie gehst du damit um?
Ich würde das zunächst nicht moralisch, sondern analytisch betrachten. Wenn sich die Geldmenge ausweitet und Kapital nach knappen Vermögenswerten sucht, profitiert Bitcoin davon. Der einzelne Anleger hat dieses System aber nicht geschaffen. Seine Aufgabe ist es zunächst, zu verstehen, wie es funktioniert, und entsprechend zu handeln.
Man kann gleichzeitig auf Probleme hinweisen und sich davor schützen. Es wäre spieltheoretisch wenig sinnvoll, eine Entwicklung zu erkennen und dann bewusst nicht danach zu handeln. Das bedeutet nicht, dass man sich über Krisen oder Inflation freuen muss. Man kann das bestehende System kritisieren und trotzdem versuchen, seine eigene Kaufkraft zu erhalten.
Für mich ist Bitcoin deshalb nicht Ausdruck einer Freude am Scheitern des Systems, sondern eine Reaktion auf dessen Anreize. Jeder muss selbst entscheiden, wie er damit umgeht.
Zum Schluss: Worum geht es in deinem neuen Buch?
Das Buch heißt „Digital Real Estate“. Es untersucht, wie Bitcoin die Immobilienwirtschaft, die Projektentwicklung und darüber hinaus die Kapitalmärkte verändern könnte. Die Idee war, ein kurzes, praxisorientiertes Buch für Unternehmer, Projektentwickler und Investoren zu schreiben. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie ein absolut knapper digitaler Vermögenswert die Art und Weise verändert, wie wir Kapital speichern, investieren und als Sicherheit einsetzen.
Es ist aus meiner eigenen Arbeit in der Immobilienbranche entstanden. Deshalb beginnt die Argumentation bei Grundstücken, Finanzierung und Projektentwicklung, geht aber weit darüber hinaus. Wenn Bitcoin tatsächlich eine neue Form von digitalem Eigentum und Wertspeicher darstellt, betrifft das nicht nur Bitcoiner, sondern langfristig jeden, der Vermögen aufbaut, ein Unternehmen führt oder Kapital investiert. Gedacht ist dies für Bitcoiner, Unternehmer, Projektentwickler und Investoren gleichermaßen. Es soll vor allem zeigen, wie Bitcoin Kapitalstrukturen verändern kann.
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Sorry: muss extrahieren heißen. Autovervollständiger???
Bitcoin hat gegen Gold in den letzten Jahren deutlich outperformed. Ok. Aber kann man das extrahieren?
Vor einigen 100 Jahren haben auch Tulpenzwiebeln gegen Gold stark outperformed. Bei knappen Gütern ohne jeglichen intrinsischen Wert wäre ich grundsätzlich skeptischer was nicht heisst, daß es erstmal so weiter geht