Nicht so seltene Erden
China rächt sich an den USA, und verhängt Exportkontrollen von Seltenen Erden. Wie der Wirtschaftskrieg zwischen den Blöcken die Inflation weiter in die Höhe treiben wird.
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die Innere Mongolei in China ist eine der “autonomen Regionen” des Landes, womit eine gewisse kulturelle Eigenheit zum Ausdruck gebracht werden soll, die de facto nicht vorhanden ist. Die Region in Nordchina, an der Grenze zum “Staat” oder “äußeren Mongolei”, ist ein Rohstofflager Chinas. Hier liegt die Bayan Obo Mine. Auf dem rund 18 Kilometer langen Gebiet bauen rund 6000 Menschen “Seltene Erden” ab, eine Gruppe von Elementen, die streng genommen überhaupt nicht so selten sind. Der Abbau ist nur extrem umweltschädlich und erfordert einen hohen energetischen Aufwand. Rund zehn Millionen Kubikmeter Wasser fließen hier jährlich ungefiltert in das Grundwasser. Die nahe gelegene Stadt Baotou, wo die Erze weiterverarbeitet werden, wurde 2021 in die Liste sogenannter “Opferzonen” aufgenommen. Sie gehört zu den 50 am meisten verschmutzten Städten der Welt.
Aufgrund der hohen Umwelt- und Gesundheitsbelastung haben westliche Staaten schon früh begonnen, den Abbau von Seltenen Erden in andere Staaten auszulagern. China übernahm die Rolle bereitwillig. Deng Xiaoping hatte schon 1987 verkündet, „der Nahe Osten hat Öl, China hat Seltene Erden“. Bis vor einigen Jahren kamen bis zu 97 Prozent der Seltenen Erden aus China. Die Hälfte davon aus der Bayan Obo Mine in der Inneren Mongolei. Mittlerweile ist der Anteil etwas zurückgegangen, China aber dominiert den Markt weiterhin mit über 75 Prozent. Seltene Erden sind Pekings Trumpf im globalen Wirtschaftskrieg.
In Japan und Südkorea reagierte man als Erstes auf die Ankündigung Pekings, Exportkontrollen für die Stoffe Gallium und Germanium zu verhängen. Der südkoreanische Wirtschaftsminister berief umgehend ein Notfall-Gremium ein, um über die Folgen auf die heimische Chip- und Autoindustrie zu beraten. Das japanische Wirtschaftsministerium ließ verlauten, man prüfe eine Klage gegen Peking bei der Welthandelsorganisation WTO.
Eigentlich war es ein offenes Geheimnis, dass Peking früher oder später im globalen Handelskrieg um die Chip-Industrie zurückschlagen würde. Im vergangenen Oktober hatten die USA Exportkontrollen für modernste Halbleiter-Technologie verhängt. Damit sollte der stetig schrumpfende Technologie-Abstand bei Chips zwischen den USA und China wieder vergrößert werden. Die Lieferketten für Halbleiter-Technologie sind äußerst komplex. Die wichtigsten Fertigungsschritte finden in Taiwan, Japan, Südkorea, den Niederlanden und den USA statt. In den vergangenen Monaten hatten sich immer mehr westliche Verbündete dem Embargo angeschlossen. Erst vor wenigen Tagen hatten die Niederlande bekannt gegeben, den Verkauf von modernsten Lithografie-Maschinen an Peking zu stoppen. Die Geräte des Herstellers ASML kosten bis zu 150 Millionen Euro. Zudem hatte Washington das Embargo abermals verschärft und auch die Ausfuhr von Halbleitern mit geringer Strukturbreite des Unternehmens Nvidia untersagt. Für China wurde die Knappheit immer stärker spürbar - mit gravierenden Konsequenzen für die Wirtschaft. Moderne Chips mit einer Strukturbreite von drei bis Nanometern finden überall ihre Anwendung - von Smartphones, Überwachungstechnologie bis Präzisionswaffen.
Die Stoffe Gallium und Germanium, für die nun Exportkontrollen verhängt wurden, zählen streng nicht zu den Seltenen Erden, aber die beiden Elemente teilen, was Eigenschaften und Abbau betrifft, viel mit dieser Gruppe. 95 Prozent des weltweiten Galliums werden in China hergestellt, und zwei Drittel des Germaniums. Beide Stoffe werden für die Produktion von Halbleitern benötigt, die ihre Anwendung in modernen Solarzellen finden, und auch militärisch genützt werden können. Wie andere Seltene Erden sind auch die beiden Elemente Gallium und Germanium eigentlich nicht so selten, aber sie fallen gewöhnlich als Abbauprodukte von anderen Metallen an. Gallium zum Beispiel entsteht als Nebenprodukt bei der Aluminiumproduktion. Ein „Fund“ größerer Erden, wie im Januar in Norwegen, nützt also zunächst nicht viel. Es geht darum, diese in großen Stil zu fördern, ohne gigantische Umweltschäden zu verursachen.
Gute Nachrichten in eigener Sache:
“Die dreckige Seidenstraße - wie Chinas Wirtschaftspolitik Demokratien und Staaten unterwandert” ist diesen Monat auf Platz 9 der Top 20 Bestsellerliste der Wirtschaftsbücher eingestiegen (in guter Gesellschaft mit “Die orangene Pille” von Ijoma Mangold)
Dass China wenig Hemmungen hat, die Karte in einem Wirtschaftskrieg auszuspielen, erfuhr Japan zuletzt 2011. Nachdem es zu einem Streit mit Tokio um eine unbewohnte Inselgruppe im Gelben Meer gekommen war, kappte Peking umgehend - allerdings ohne offizielle Begründung - die Ausfuhr Seltener Erden nach Japan.
Wie schwer sich die Exportkontrollen auf die globale Chip-Industrie auswirken werden, ist noch nicht ganz klar. Zunächst handelt es sich nicht um ein volles Embargo; Exporteure müssen sich die Ausfuhr ins Ausland aber vorher genehmigen lassen. Preissteigerungen gelten als wahrscheinlich. Am Donnerstag trifft die US-Finanzministerin Janet Yellen in Peking ein, um über die angeschlagenen Wirtschaftsbeziehungen zu beraten.
Es zeigt aber auch, dass der Wirtschaftskrieg zwischen dem Westen auf der einen Seite, und China, Russland und zahlreichen kleineren Staaten des Globalen Südens auf der anderen Seite, längst im Gange ist. Der immer zerstörerischer werdende Krieg in der Ukraine ist nur die kinetische Variante dieses Konflikts. Es geht um Rohstoffe und (fossile) Energieträger und die Vorherrschaft im 21. Jahrhundert. Die Globalisierung, das immer dichtere Zusammenwachsen von Lieferketten und Wirtschaftskreisläufen, das die vergangenen 30 Jahre geprägt hat, geht zu Ende.
Wenn aber Rohstoffe und Energie nicht mehr dort gekauft werden können, wo sie am billigsten sind, sondern dort, wo man sie noch bekommen kann. Dies wirkt sich preistreibend aus. Produkte werden teurer, die Inflation steigt weiter. Hohe Zinsen aber können sich viele Staaten schon heute aufgrund der hohen Verschuldung nicht mehr leisten, weswegen sie früher oder später zu einer Niedrigzinspolitik zurückkehren müssen. Eine zweite, noch größere Inflationswelle droht.






