Lob der Skepsis

Eine philosophische Erklärung, weshalb Chartanalyse und Kursprognosen (ziemlich sicher) Bullshit sind.

Bitcoin: 36669$

Willkommen zur 25. Ausgabe von BlingBling,

In den vergangenen Wochen machte eine Chart-Formation auf vielen Social Media-Plattformen die Runde, die den Kurssturz von Bitcoin scheinbar perfekt erklärte. Die Wyckoff-Verteilung sagte sogar weitere Bewegungen voraus.

Wie kann das sein?

Richard Wyckoff war ein Börsenhändler, der zwischen 1873 bis 1934 an der Wallstreet aktiv war. Er war damit Zeitgenosse von Jesse Livermore (Protagonist des unter Daytradern als Bibel gehandelten Buches „Reminiscences of a Stock Operator”) und von Ralph Elliott, der Erfinder der Elliott-Wave-Theorie. Alle drei erlebten sie das größte Spekulationsfieber der Weltgeschichte in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, das im Börsencrash 1929 und in der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise ihr Ende fand.

Und alle drei Personen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Chartanalyse (auch „technische Analyse“ genannt). Chartanalyse betrachtet den Kursverlauf einer Aktie oder Währung oder sonstigen Anlageklasse, und versucht darin Muster zu erkennen. Anhand dieser Muster versucht der Chartanalyst, Prognosen für die Zukunft zu erstellen. 

BlingBling wird in der heutigen Ausgabe argumentieren, warum das Bullshit ist. 

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Es gibt verschiedene Arten der Chartanalyse. Die vielleicht einfachste ist das Konzept von Widerständen und Unterstützungen. Ein Beispiel: Prallt eine Aktie mehrfach an einer Kursmarke, z.B. 100 Euro ab, spricht man von einem Widerstand. Fällt die Aktie immer wieder auf 50 Euro, und steigt von dort aus wieder, spricht man von einer Unterstützung. Manche Händler kaufen dann deswegen immer wieder bei 50 Euro und verkaufen bei 100 Euro. Sie gehen davon aus, dass die Aktie auch beim nächsten Mal an der Kursmarke wendet.

Ein weiteres Konzept ist das der 200-Tages-Linie. Die 200-Tages-Linie ist der Durchschnittskurs der vergangenen 200 Tage. Liegt der aktuelle Kurs über der Linie, deutet man das als Bullenmarkt. Mitte Mai fiel Bitcoin unter die 200-Tages-Linie, woraufhin manche Experten und Analysten twitterten: Jetzt ist alles vorbei.

Darüber hinaus gibt es x Gebilde, die alle irgendeine Bedeutung haben: Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Dreiecke (ansteigend und absteigend), Tassen mit Henkel und außerdem Oszillatoren und Indikatoren. 

Noch eines drauf setzt die Elliott-Wave-Theorie, wonach alle Bewegungen an der Börse (und in der Natur auch) in einem acht-welligen Muster ablaufen (fünf Impuls- und drei Korrekturwellen), die dazu noch im Verhältnis vom Goldenen Schnitt zueinander stehen. Wow.

Leider ist das alles Mist. 

Warum?

  1. Chartanalyse ist nur schwer überprüfbar. Sie ist unwissenschaftlich, weil sie sich einer wissenschaftlichen, experimentellen Überprüfbarkeit entzieht. Um zu wissen, ob eine bestimme Formation zu steigenden oder fallenden Kursen führt, müsste man sie mehrfach testen. Wenn in der Theorie eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation oder eine Wyckoff-Verteilung zu fallenden Kursen führt, müsste man zahlreiche solcher Beispiel finden und überprüfen, was danach passiert ist. Zumindest in 51 Prozent der Fälle sollte der Kurs ja das gemacht haben, was die Formation prognostiziert hat. Viele Postulate der technischen Analyse aber entziehen sich einer solcher Überprüfung.

  2. Oft fehlt die Rationalität. Muster lassen sich in jedem Datensatz finden (“Backtesting”), nur sagen sie nichts über die Zukunft aus. Auch wer die Ziehung der Lotto-Zahlen der vergangenen 50 Jahre durchforstet, wird darin irgendeine Art von Regelmäßigkeit feststellen (nach dem Gesetz der großen Zahlen nähert man sich dem Zufall nur an). Wer aber eine Gesetzmäßigkeit postuliert, muss auch eine rationale Erklärung mitliefern. Wer einfach nur behauptet: In den letzten 30 Jahren wurde beim Lotto öfter die Zahl “3” gezogen und deswegen die 3 ankreuzt, ist 1 Idiot.

  3. Selbstreflexive Systeme entziehen sich dem Beobachter. Unter selbstreflexiven Systemen versteht man Strukturen, in denen Erkenntnisse über das System auch Einfluss auf die Entwicklung des Systems haben. Das trifft so ziemlich auf alle Sozialwissenschaften zu. Die Finanzmärkte sind das Paradebeispiel eines selbstreflexiven Systems, denn jede Erkenntnis darüber kann zu einer Handlung (Kauf oder Verkauf) führen, die den Preis beeinflusst. 

  4. Es kommt zu selbsterfüllenden- und -zerstörenden Prophezeiungen. Was wäre, wenn sich zum Beispiel die Wyckoff-Verteilung statistisch nachweisen ließe? Wenn alle wissen, dass der Kurs einer Aktie in den kommenden Wochen fallen wird, verkaufen alle. Der Preis fällt. Die Prophezeiung hat sich selbst erfüllt. Oder: Ein Modell besagt, dass der Bitcoin-Kurs Ende 2021 die Marke von 100000 US-Dollar erreichen wird. Wer schlau ist, wartet nicht die 100000 Dollar ab, sondern verkauft etwas vorher. Da sich aber jeder für schlau hält, verkauft jeder bei 99, 98, 97, 90, 89000 Dollar. Die Prophezeiung hat sich selbst zerstört. (Dies spricht übrigens auch gegen das von Bitcoinern verehrte, und zugegeben unglaublich faszinierende Stock-to-Flow-Modell - immerhin aber lässt sich das s2f-Modell überprüfen und liefert eine rationale Erklärung).

Warum gibt es dann so viele Börsenhändler, die auf die Chartanalyse schwören? Vielleicht weil ein Muster vorübergehend Gültigkeit besitzt? Vielleicht weil sie Glück haben? Vielleicht weil Händler, die über mehrere Jahre erfolgreich nach einem „System“ handeln, nichts als eine Laune der Statistik sind?

Vielleicht weil Menschen aufgrund ihrer Natur immer wieder Muster in einer prinzipiell chaotischen Welt erkennen wollen, um die eigene Unsicherheit besser erträglich zu machen.

Chartanalyse lässt sich am ehesten mit Astrologie vergleichen: Unwissenschaftlich, höchstwahrscheinlich Hokuspokus - und trotzdem lesen wir hin und wieder Horoskope, die verblüffend genau auf uns zu passen scheinen.

Man kann an dieser Stelle lange streiten und grübeln. BlingBling aber will diese Ausgabe mit einem Ratschlag schließen: Besser als Kursprognosen von Influencern auf Youtube zu feiern, ist es, skeptisch zu bleiben, und sich mit dem Chaos, dem Risiko und der Unordnung anzufreunden. Die gewonnene Zeit ist besser investiert, wenn man sich mit dafür intensiver mit der Technologie eines Unternehmens oder der Funktionsweise von Bitcoin beschäftigt.

Es spricht nichts dagegen, Charts zu studieren. Kursbewegungen der Vergangenheit helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Nur einen sicheren Blick in die Zukunft liefern können sie nicht. Genauso ist es übrigens mit Geschichte - sie reimt sich höchstens, und auch das eher selten.

Eine Umfrage und Diskussion zum Thema gibt es übrigens hier:

Ein schönes Wochenende!

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PS: BlingBling mag TikTok nicht, aber das hier ist keine schlechte Erklärung von NFTs