"Dieser Konflikt hat Deutschland enorm geschadet"
Schon jetzt gehört Deutschland zu den Verlierern des Ukraine-Konflikts. Professor Hasan Alkas über die wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges.
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am Freitag treffen sich erstmals seit Beginn des Krieges in der Ukraine der amerikanische Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin. Die Chancen auf einen Waffenstillstand sind relativ hoch. Unabhängig davon, wie man zur moralisch-ethischen Dimension dieses Kriegs und der Schuldfrage steht - für Europa und insbesondere Deutschland ist der Konflikt wirtschaftlich verheerend. Er hat die einst viertgrößte Volkswirtschaft der Welt von günstiger Energie abgeschnitten, die Preise für zahlreiche Rohstoffe in die Höhe getrieben und damit die Inflation angeheizt. Nicht zuletzt kostet die Unterbringung der ukrainischen Flüchtlinge Milliarden. Hasan Alkas ist Professor für Mikroökonomie mit dem Schwerpunkt internationale Märkte an der Rhein-Waal in Kleve gehört seit Jahren zu den Stimmen, die vor diesem Konflinkt warnen.
Herr Alkas, die Insolvenzen in Deutschland sind so hoch wie zuletzt 2009, während die globale Konjunktur, insbesondere in den USA, boomt. Warum kommt die deutsche Wirtschaft nicht vom Fleck?
Professor Hasan Alkas: Deutschland hat sich zu sehr darauf verlassen, wirtschaftliche Probleme durch Geld zu lösen. Besonders während der Corona-Krise zeigte sich diese Mentalität: Nach nur zwei Wochen Lockdown wurden Unterstützungsgelder ausgeschüttet, obwohl Unternehmen, die so kurzfristig in Schwierigkeiten geraten, oft ohnehin nicht überlebensfähig waren. Deutschland hat damals etwa das Zehnfache anderer Länder ausgegeben, was eine gewisse Lethargie gefördert hat. Es entwickelte sich eine Kultur des „Sozial ist, zu Hause zu bleiben und Geld zu kassieren“. In der Organisationsökonomie ist bekannt, dass Unmotivierte andere anstecken. Diese Bequemlichkeit hat sich ausgebreitet, etwa durch exzessives Homeoffice, geringe Arbeitsstunden und einfache Krankmeldungen per Telefon. Deutschland hat im Vergleich zu Ländern wie Griechenland oder Italien die niedrigsten Arbeitsstunden, und auch unsere Produktivität ist gesunken.
Ein weiteres Problem ist die starre Regulierungsmoral. In Deutschland werden Regeln oft um ihrer selbst willen durchgesetzt, ohne Pragmatismus. In anderen Ländern, wie der Türkei, gibt es zwar auch strenge Vorschriften, aber ihre Anwendung ist flexibel. Bei uns dauern bürokratische Prozesse wie ein Erbschein Wochen, während sie anderswo in Stunden erledigt sind. Diese Kombination aus Überregulierung und mangelnder Flexibilität erstickt die Wirtschaft. Subventionen können kurzfristig helfen, aber langfristig sind sie keine Lösung. Zudem leben viele Deutsche in der Illusion, wir seien reich, obwohl die Eigentumsquote niedrig ist – die meisten haben nicht einmal 2.000 Euro als Notgroschen.
Die Corona-Krise hat diese weichen Faktoren verstärkt, aber was ist mit harten Faktoren wie den Energiepreisen nach dem Wegfall von Nord Stream 2? Hat das der deutschen Industrie nachhaltig geschadet?
Die Energiepreise brechen uns das Genick. In Ländern wie Kasachstan oder der Türkei kostet Strom 5 Cent pro Kilowattstunde, bei uns liegt er bei 40 bis 50 Cent. Subventionen für Unternehmen ändern daran wenig, da sie die Wettbewerbsfähigkeit nicht wiederherstellen. Pipeline-Gas ist essenziell, egal ob aus Russland oder anderen Ländern. LNG-Transporte sind teurer und ineffizient. Diese Kosten machen unsere Industrie international nicht mehr wettbewerbsfähig. Hinzu kommt die grüne Mentalität, die Nachhaltigkeit über alles stellt, auch wenn wir dadurch wirtschaftlich zurückfallen. Andere Länder nutzen unsere Selbstbeschränkung aus, während wir glauben, die Welt durch Verzicht zu retten. Die Sprengung von Kühltürmen stillgelegter Atomkraftwerke ist ein Symbol für diese mutwillige Zerstörung unserer Infrastruktur zugunsten ideologischer Ziele. Solange diese Gesinnung dominiert, wird Deutschland nicht auf einen grünen Zweig kommen.
Besonders stark, wenn auch aus anderen Gründen, trifft das gerade die deutsche Autoindustrie. Nun versucht die Politik, die Rüstungsindustrie zu stärken, um Arbeitsplätze und Exportgüter zu schaffen. In der Türkei scheint das zu funktionieren. Kann das auch in Deutschland gelingen?
Unsere Bürokratie ist zu träge, um Arbeitskräfte schnell umzuschulen oder Ressourcen zu bündeln. Zudem haben wir eine Abhängigkeit von globalen Lieferketten, etwa bei Halbleitern, was unsere Rüstungsproduktion schwächt. Ein weiteres Problem ist die gesellschaftliche Zusammensetzung: Fast ein Drittel der Bevölkerung hat Migrationshintergrund, und wir wissen nicht, wie diese Menschen im Konfliktfall agieren würden. In Deutschland wird die Loyalitätsfrage kaum diskutiert, anders als in den USA, wo Einbürgerung klare Verpflichtungen mit sich bringt. Unsere jüngeren Generationen, geprägt von Wokeness und Ideologie, sind nicht auf Konflikte vorbereitet. Die Idee, Panzer für schwangere Soldatinnen anzupassen, zeigt, wie realitätsfern unsere Regulierung ist. Ohne pragmatische Umsetzung und Unabhängigkeit in Lieferketten wird die Rüstungsindustrie keine Konjunkturlokomotive.
Deutschland scheint in der EU oft Nachteile zu haben, etwa durch die Zinspolitik oder als Nettozahler. Wie kam es dazu, dass Deutschland in der Ukraine-Frage für eine Kriegsfortsetzung eintritt, obwohl es wirtschaftlich schadet?
Das Problem liegt in der Qualität unserer politischen Führung. Durch Quotenregelungen – nicht nur für Frauen, sondern auch für Migranten oder regionale Proporze – schicken wir oft unterdurchschnittliche Vertreter in die EU. Diese können keine überdurchschnittlichen Leistungen erbringen und umgeben sich mit schwachen Beratern. Politiker wie von der Leyen oder Kallas haben durch Fehler ihre Glaubwürdigkeit verspielt, doch das Parteiensystem belohnt Loyalität statt Kompetenz. Deutsche Bürokraten in Brüssel setzen selten nationale Interessen durch, anders als französische oder niederländische Kollegen. Die EU-Regeln sind oft zum Nachteil Deutschlands gestaltet, etwa durch die Zinspolitik, die Länder wie Italien stärkt, während wir als Nettozahler leiden.
Die Unterstützung des Ukraine-Kriegs ist ein weiteres Beispiel. Dieser Krieg liegt nicht im deutschen Interesse, doch die grüne Gesinnung und ein Mangel an strategischem Denken treiben uns in diese Richtung. Die Medien verstärken dies, indem sie Klima- und grüne Narrative überbetonen, ohne die wirtschaftlichen Folgen zu hinterfragen. Wir brauchen wieder eine Kooperation mit Russland, um günstige Rohstoffe wie Gas direkt zu beziehen. Die Zerstörung von Nord Stream, an der deutsche Unternehmen beteiligt waren, wurde von der Bundesregierung nicht energisch genug kritisiert. Das hat uns international geschadet.
Das kürzlich beschlossene milliardenschwere Investitionspaket – geht das in die richtige Richtung, oder bleibt es ein Tropfen auf den heißen Stein?
Solange wir die strukturellen Schwächen nicht angehen – rigide Regulierung, mangelnde Wettbewerbsmentalität, Lethargie –, wird das Paket wenig bewirken. In Deutschland haben wir den Wettbewerbsgedanken verlernt, schon in der Schule. MINT-Fächer verlieren an Bedeutung, und die Motivation, Leistung zu erbringen, fehlt. Die Milliarden fließen oft in Erhaltungsinvestitionen, die private Investoren verdrängen – ein sogenannter Crowding-out-Effekt. In der Türkei habe ich Baustellen gesehen, die in Wochen fertig sind, während bei uns die Vorbereitung länger dauert als der Bau selbst. Die Emmericher Brücke ist ein Beispiel: In den 1960er-Jahren in vier Jahren gebaut, dauert ihre Sanierung seit fünf Jahren. Das zeigt, wie sehr unsere Organisationsfähigkeit und unser Arbeitswille gesunken sind. Ohne einen gesellschaftlichen Ruck wird das Geld nur das Elend verlängern.
Sie haben die EU als Bremsklotz bezeichnet. Welche Reformen wären nötig, um Deutschland und die EU wettbewerbsfähiger zu machen?
Die EU muss sich auf das Subsidiaritätsprinzip besinnen und nur dort regulieren, wo sie einen Mehrwert schafft. Für jede neue Regel sollten zwei alte gestrichen werden. Den Mitgliedstaaten müssen mehr Freiheiten in der Migrations-, Industrie- und Handelspolitik zugestanden werden. Die derzeitige Mehrheitsentscheidung, bei der alle mitziehen müssen, ist nicht mehr zeitgemäß. Die grüne Gesinnung in Brüssel, die über Zentralbankpolitik oder grüne Bonds die Mitgliedstaaten belehren will, ist fehl am Platz. Die EZB sollte sich auf Preisstabilität konzentrieren, nicht auf ideologische Agenden. Deutschland muss außerdem überlegen, ob die EU-Mitgliedschaft langfristig noch Vorteile bringt. Wir sind in einem Abhängigkeitsproblem gefangen, wo andere Länder uns ausnutzen. Ein Tabu wie ein möglicher EU-Austritt sollte offener diskutiert werden, um Druck aufzubauen. Nationale Champions, wie etwa die Commerzbank, sollten geschützt werden, anstatt sie durch EU-Beihilferegeln zu gefährden.
Abschließend: Setzen Sie Hoffnungen auf das Gipfeltreffen zwischen Putin und Trump? Könnte es den Krieg beenden und Deutschland entlasten?
Trump ist ein Deal-Maker, aber seine Strategien wirken oft sprunghaft. Dennoch glaube ich, dass er mit Putin eine Einigung erzielen könnte, um den Krieg zu beenden. Dieser Konflikt hat Deutschland enorm geschadet – durch hohe Energiepreise, Flüchtlingskosten und Bürgergeldlasten. Wir können nicht weiterhin die Rechnung für andere bezahlen. Deutschland muss klar signalisieren: Wer weiterkämpfen will, tut dies auf eigene Kosten. Ein Frieden, gefördert durch die NATO und Trump, hätte gute Chancen. Langfristig brauchen wir wieder eine Kooperation mit Russland, um günstige Rohstoffe zu sichern. Ohne diese Einsicht werden wir weiter von unserer Substanz zehren.









Ouch. Sehr klare Worte, auch wenn ich bei Russland nicht ganz zustimme. Danke, wirklich interessantes Interview. Seine Meinung zu Bitcoin würde mich noch interessiert.